Latein
Zuletzt aktualisiert (Dienstag, 15 November 2011 20:30)
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Warum soll man eine Sprache wählen, die tot ist?
Der gelehrte Philosoph würde jetzt fragen: Was bedeutet eigentlich "tot"? Mit solchen akademischen Raffinessen wollen wir uns an dieser Stelle nicht aufhalten, sondern festhalten, dass Latein keine Sprache ist, die gesprochen wird oder einen direkten materiellen Nutzen bezweckt. In keinem Urlaubsland wird man nach dem ersten Jahr auf Lateinisch ein Brötchen bestellen können, ohne verständnislose Reaktionen hervorzurufen. Die Zielsetzung der lateinischen Sprache ist eine andere.
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Wenn man lateinische Texte in die deutsche Sprache übersetzen soll, muss man zwei Dinge tun, das fremde Original a) entschlüsseln und b) in die Muttersprache übertragen. Man setzt sich also mit dem Sprachsystem der anderen Sprache und der eigenen tiefschürfend auseinander. Das schult das Verständnis für die fremde (lateinische) Sprache und die eigene, man erzielt ein höheres Sprachbewusstsein und gewinnt Respekt vor der sprachlichen Leistung des fremden Textes.
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Darüberhinaus ist das lateinische Sprachsystem durchaus zum überwiegenden Teil logisch stringent aufgebaut, man schult daher seine Fähigkeiten, Vergleiche und Analogien herzustellen, entsprechende Schlüsse zu ziehen und daher Formen oder Wortbildungsregeln selbst "auszuknobeln". Sie werden viele Lernforscher finden, deren empirische Untersuchungen die Behauptung zu widerlegen versuchen, dass Latein das logische Verständnis schult. Unabhängig davon, wie in solchen Untersuchungen wissenschaftlich "logisches Verständnis" definiert wird, bietet Latein für den, der Freude an solchen Rätseln hat, durchaus Anreize.
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Schließlich kann niemand abstreiten, dass die Antike in Sprache und Literatur im Allgemeinen, in der Philosophie und im politischen Bewusstsein, in der bildenden Kunst und Architektur die Zivilisation Europas maßgeblich geprägt hat. Latein bietet wie das Griechische einen unmittelbaren Zugang zu eben diesen Grundlagen. Wer meint, dazu würden Übersetzungen ausreichen, sollte bedenken, dass jede Übersetzung die Interpretation des Originals durch einen Dritten, nämlich den Übersetzer, ist, einen unmittelbaren Zugang also verwehrt.
Am RöGy wird Latein ab der 6. Klasse angeboten. In den ersten zwei bis drei Schuljahren wird versucht, anhand von konstruierten Lehrbuchtexten des Schulbuches "prima" den Schülern die entscheidenden Kenntnisse der lateinischen Sprache näherzubringen und einen ersten Einblick in verschiedene Bereiche antiken Lebens und Denkens zu ermöglichen. Ab dem dritten Lernjahr wenden wir uns Originaltexten zu, so dass am Ende der Jahrgangsstufe 10) die Schüler und Schülerinnen in der Lage sein sollen, mittelschwere Originaltexte mithilfe eines zweisprachigen Wörterbuchs in einen angemessenen deutschen Text übersetzen zu können. So lautet sinngemäß die offizielle Definition des so genannten Latinums. Unmittelbar vor dem Erwerb dieses Zeugnisses bietet das RöGy seinen Schülerinnen und Schülern eine Exkursion an, um vor Ort handfest das zu sehen, womit sie sich fast fünf Jahre nur sprachlich virtuell auseinandergesetzt haben, nach Rom.
In der Oberstufe wenden wir uns Texten verschiedener Gattungen und Zeiten zu, die unseren Schülerinnen und Schülern die kulturellen Dimensionen der lateinischen Sprache deutlicher eröffnen, so in den Bereichen der Epik, Lyrik, Geschichtsschreibung und Philosophie, in denen die antiken Autoren Fragen aufgeworfen und Antworten geliefert haben, die für uns heute genauso einprägend sein können wie damals. Hier kann es aber auch durchaus geschehen, dass "Star Wars" mit Sallust und Tacitus verglichen werden oder Ovids Wirkung auf "Pretty Woman" untersucht wird. Auch hier ist es schon zu einer gemeinsamen Fahrt nach Griechenland gekommen, die im kommenden Jahr wiederholt wird.








